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© Marc Stephan, D-61209 Echzell

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Pressearbeit

Faszination Musik

Das Kribbeln ist nur ganz leicht an den Haarwurzeln zu spüren, als der letzte Ton verklingt. Schade. Der Applaus braust los. Zu früh. Das Publikum ist begeistert aber der letzte Funken ist nicht übergesprungen. Langsam lässt der junge Musiker sein Instrument sinken. Er ist trotzdem erleichtert und lacht, schaut hinüber zu seiner Mutter, seiner Schwester und seinem Bruder; alle spielen mit.

Orchester sind oft kleine Familienunternehmen, in denen mehr als nur ein Mitglied einer Familie mitspielen. Ein Freund der Kinder vielleicht hat die »Seuche« eingeschleppt, die schnell um sich greift und oft die ganze Familie in den Musikverein zieht. Der große Vorteil an der Musik ist, dass jeder mitmachen kann, egal wie alt er ist und wer nicht völlig unmusikalisch ist, findet auch ohne Vorbildung schnell den Weg zu Melodie und Rhythmus. So berichtet Karin Brauburger vom Musikverein Ober-Wöllstadt, dass ihr zum 45. Geburtstag ein Saxofon geschenkt wurde. Da der Ehemann im Orchester mitspielt ebenso die drei Kinder, ist dieses Geschenk kaum verwunderlich. Die Musik wurde zu einem sozialen Problem. »Wenn ich bei meiner Familie sein wollte, musste ich mit in den Musikverein«, erinnert sie sich. Die Entscheidung hat sie nicht bereut, sie spielt nun seit acht Jahren und freut sich, jetzt endlich im »Stammorchester« das erste große Konzert mitspielen zu dürfen.

Der DirigAuch viele junge Menschen widmen sich der klassischen Musik.ent hebt den Taktstock, die Musiker nehmen die Instrumente auf, ein neues Stück liegt auf dem Notenpult. Das Publikum wartet stumm auf den ersten Akkord. Bei den Blechbläsern wird mit jeder Sekunde des Wartens der Mund trockener, sodass die Lippen nicht richtig schwingen können, die Zunge nicht flexibel den Luftstrom im Mund kontrollieren kann. Hastiges Schlucken und Lippenlecken vor dem Anfangsimpuls des Dirigenten sind die Folge. Die Schlagzeuger dagegen haben zu viel Flüssigkeit, ausgerechnet an den Händen. Zum Trockenwischen an der Hose fehlt die Zeit, wer jetzt noch Schläger oder Stöcke aus der Hand legt, läuft Gefahr den Einsatz zu verpassen und so den Anfang des neuen Stückes zu verpatzen. So ein Patzer gleich am Beginn nimmt leicht dem ganzen Orchester den Schneid und manchmal gelingt es dem Dirigenten nicht mehr, seine Truppe wieder zu motivieren, ihr wieder Spannung einzuhauchen.

Dabei fragen sich viele Musiker selbst, ob das Publikum die aufgelegten Stücke denn überhaupt »versteht«. Je höher der Schwierigkeitsgrad wird, desto schwerer sind oft die Lieder zu verstehen. Manchmal erkennen die Musiker beim ersten Anspielen eines neuen Stückes selbst keine Melodie. Es ist, als würde man einzelne Wörter lesen, den Satz aber nicht verstehen und deshalb nicht die richtige Sprachmeldodie finden. Die Musiker geben sich aber in die Hände ihres Dirigenten, der ihnen die Motive, Themen, das ganze Stück langsam erschließt. Viele Musiker sagen, dass gerade das stetige Wachsen des eigenen Könnens sie fasziniert und immer wieder an ihr Instrument treibt. Im Orchesterspiel dagegen reizt es zu sehen, wie man mit gemeinsamer Arbeit aus einem Haufen Noten Musik macht, wie sie ein Synthesizer nie erzeugen könnte. Es ist das »Handgemachte«, was auch Schlagzeuger Christoph Heuser vom Musikverein Heegheim fasziniert. Der Echzeller Dirigent Andreas Heil ergänzt hierzu: »Live-Musik setzt andere Schwingungen frei als Musik von CD. Diese Schwingungen berühren uns rein körperlich und auch seelisch ganz anders als Konservenmusik.« Dass überhaupt ein Lied erwachsen kann aus vielen Einzelleistungen, ist der Selbstdisziplin und Teamfähigkeit zu verdanken, die den Musikern abverlangt wird, sagt Andreas Heil.

Der erste Takt ist verklungen, ohne Pannen, das Stück läuft und schon früh spürt der junge Musiker wieder das Kribbeln an den Haarwurzeln, das beim letzten Lied zu spät einsetzte. Jetzt ist es sofort da und fühlt sich gut an. Besser als bei der Musik, die er »privat« hört.

Immer wieder hört man von Hobbymusikern solche Aussagen wie: »Privat höre ich ja lieber ...« So wie Posaunist Lennart Planz vom Musikverein Echzell, der »privat« lieber Rock und Funk hört und dabei scheinbar ganz vergisst, dass sein Spiel im MMag das Handgemachte an seiner Musik: Schlagwerker Christoph Heuser.usikverein ebenfalls »privat« ist. Die Verantwortung, die Musiker im Verein und Orchester übernehmen, scheint so weit zu gehen, dass sie dies schon als eine Art Beruf oder Berufung sehen, sodass sie »privat« andere Musikrichtungen hören. Dort stellt sich oft ein Ausgleich ein. Die jungen Musiker hören plötzlich auch außerhalb des Musikvereins konzertante Musik, gleichzeitig halten moderne Songs Einzug in das Repertoire der Laienorchester.

Ein respektvolles Miteinander durch alle Generationen gehört auch hier zu den Eigenschaften, die das gemeinsame Musizieren fördert. So spielt die junge Saxofonistin Leonie Voll »halt auch mal ›Dicke-Backe-Musik‹, weil es dazugehört«, doch auch Rentner Alois Herget spielt mit seinem Tenorhorn moderne Sachen, obwohl er lieber einen Marsch geblasen hätte. Was alle Musiker verbindet, ist das Gefühl in der Probe den Alltag abzuschütteln und danach mit einem Ohrwurm gut gelaunt den Heimweg anzutreten. Viele möchten auch dem Publikum etwas von Ihrer eigenen Freude, der Faszination an der Musik abgeben, das geht am besten bei einem Konzert.

Das Konzertstück nähert sich dem Ende und mittlerweile hat der junge Musiker am ganzen Körper Gänsehaut und die aufbäumende Schlusssequenz treibt ihm und manch anderem Musiker eine Träne in den Augenwinkel. Als der letzte Akkord verklungen ist, bleibt es still im Saal, die Musiker regen sich nicht, das Publikum wartet gebannt. Erst nach ein paar Sekunden, die wie eine Ewigkeit erscheinen, löst sich die Spannung, die fast knisternd in der Luft liegt. Jetzt bricht der Applaus los und auch Zuschauer wischen sich verschämt durch die Augenwinkel. Jetzt haben die Musiker ihr Ziel erreicht, dem Publikum ein Stück ihrer Faszination abzugeben.


 © Marc Stephan 2012


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