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© Marc Stephan, D-61209 Echzell

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Pressearbeit

Judith Jäger:

Mit Perlhirse zum Rudolf-Mansfeld-Preis

Den postergroßen Scheck der Preisverleihung legt sie auf den Tisch und ist schon wieder weg. Sie wühlt hier, holt dort etwas, rückt da etwas zurecht und erzählt dabei. Eigentlich sollte sie über sich und ihre Arbeit erzählen, für die sie ausgezeichnet wurde. Doch spricht sie schnell, wechselt von einem Thema zum anderen, springt vom Ästchen aufs Stöckchen. Sie kann gar nicht so rasch sprechen, wie alles aus ihr heraussprudeln möchte. Man hat das Gefühl, der 27-jährigen Judith Jäger bliebe nicht genügend Zeit, um alles zu tun, was sie bewegen will, wo sie sich einbringen und engagieren will.

TrotzdeJudith Jäger vor der Saatgut AG.m verbreitet sie keinen Stress, wirkt nicht bedrückt, weil sie vielleicht nicht alles schafft, was sie sich vorgenommen hat. Was ihr am Wichtigsten ist, hat sie zum Beruf gemacht. Sich dort zu engagieren, bringt ihr die Gelassenheit, auf andere Dinge zu verzichten, ohne die Vorfreude darauf zu verlieren. »Für Hobbys bleibt wenig Zeit, wenn man 100 Prozent arbeitet«, sagt die diplomierte Agrarbiologin. Dass sich der volle Einsatz lohnt und auch honoriert wird, zeigt der Rudolf-Mansfeld-Preis, der ihr jetzt von der Gemeinschaft zur Förderung der Kulturpflanzenforschung Gatersleben verliehen wurde. Diese prämiert jährlich die beste Diplom- oder Masterarbeit auf dem Gebiet der genetischen Ressourcen in der Kulturpflanzenforschung.

Doch scheint der Preis für die junge Frau nur ein angenehmes Nebenprodukt ihrer Leistung zu sein. Zu kurz spricht sie davon, zu schnell erzählt sie wieder von ihrer Arbeit, welchen Sinn sie hat und wie bedeutend das ganze Forschungsgebiet für die Menschheit ist. Um dieses in seiner Vielschichtigkeit zu erklären, muss die gebürtige Stuttgarterin von allen Seiten weit ausholen und so kommt es, dass sie ihre hakenschlagenden Erklärungen hin und wieder unterbricht, um zu fragen: »Wie weit konnten Sie jetzt mitschreiben?« Es ist verwirrend. Doch kurz gesagt geht es darum, die genetische Vielfalt der Pflanzen zu erhalten.

Gerade in Zeiten des Klimawandels sind viele verschiedene Sorten einer Gattung gefragt, die sich auf unterschiedlichste Umwelteinflüsse einstellen können. Monokulturen mit weltweit verbreiteten Standard-Samen können diesen Ansprüchen nicht genügen.

Ihre prämierte Diplomarbeit befasste sich mit verschiedenen Arten von Perlhirse. »Die ist in Europa eher im Vogelfutter zu finden«, sagt Jäger grinsend. Doch in Wahrheit ist es die fünftwichtigste Getreideart der Welternährung. Diese Hirseart verträgt besonders trockene Böden und wird deshalb durch die zu erwartende Erderwärmung noch wichtiger werden. Für ihre Arbeit reiste Jäger für drei Monate nach Niger, denn in Westafrika ist die Perlhirse am häufigsten zu finden.

Die eigentliche Leistung der Agrarbiologin war es, Informationen über die Perlhirsearten zusammenzutragen, geografisch zuzuordnen und eine Datenbank zu erstellen. Diese komplexe Datenbank ermöglicht es nun, nicht nur bereits bekannte Eigenschaften der Pflanzen abzufragen, sondern auch nach bisher nicht entdeckten zu fahnden. So würde die Datenbank offenbaren, wenn bisher noch keine Art der Perlhirse gefunden wurde, die auch kräftige Niederschläge verträgt. Doch auch diese Eigenschaft könnte in Zukunft wichtig sein und deshalb müsste nach einer solchen Pflanze gesucht werden.

Wildpflanzen sind dabei besonders gefährdet, berichtet Jäger. Denn weil sich niemand um sie kümmert, können zwei aufeinander folgende Dürreperioden die letzten Exemplare verdorren lassen und damit gehen vielleicht wichtige Eigenschaften verloren. Ziel der Forschung ist es, zunächst die genetischen Informationen aller Arten von Nutzpflanzen zu sammeln und zu archivieren. Auch die, die uns heute noch keinen Nutzen bringen, denn das könnte sich in der Zukunft ändern. Die von Judith Jäger entwickelte Datenbank soll nun als Leitfaden für die Erforschung anderer Nutzpflanzen gelten.

Dass man bei all der Gentechnik die Pflanze immer als Ganzes sieht, nicht als reines Molekülkonstrukt, ist der Wissenschaftlerin besonders wichtig. Deshalb ist sie strikt gegen die Vorgehensweise großer Konzerne, die den Markt überschwemmen und Bauern weltweit mit Einheitssaat in Abhängigkeit bringen.

Diese Einstellung führte die Stuttgarterin nach Bingenheim. In der dortigen Saatgut-Werkstatt hatte sie während ihres Studiums einige Wochen gearbeitet und den Betrieb sofort in ihr Herz geschlossen. »Die Saatgut AG verkörpert all das, wofür ich arbeite«, sagt sie zufrieden. Auch der menschliche Umgang der Mitarbeiter untereinander habe sie vom ersten Tag an fasziniert. Wegen ihrer erfüllenden Arbeit und der schönen Landschaft, wie sie sagt, möchte sie gerne in der Wetterau Wurzeln schlagen. Da sie auch ohne Auto mobil sein will, ist sie zentral nach Friedberg gezogen.

Dabei fällt ihr ein, der öffentliche Personennahverkehr, wäre auch etwas, wofür sie sich einsetzen möchte. Außerdem findet sie das Wetterauer Bündnis gegen Rechts klasse und würde sich auch dort gerne mehr engagieren. Doch hat ihr ihre Arbeit, seit sie im Mai nach Oberhessen kam, noch keine Zeit gelassen, sich richtig einzuleben.

Wenn das geklappt hat, möchte sie einen eigenen Garten und Hühner. Eigentlich spielt sie auch Schlagzeug und Klavier, doch hat sie das ziemlich vernachlässigt in den letzten Monaten. Trompetespielen möchte sie obendrein noch lernen. Da wird die Zeit neben der Arbeit tatsächlich knapp. Aber den größten Brocken hat Judith Jäger auch noch vor sich: Wetterauer Platt zu lernen.

© 2009 Marc Stephan

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