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© Marc Stephan, D-61209 Echzell

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Pressearbeit

Kurt Nagel †:

Seit über 70 Jahren Fotograf

Die Sonnenfinsternis sorgte vor 10 Jahren für viel Aufsehen. Nicht so bei Kurt Nagel. »Ich hab da kei’ groß’ Trara gemacht«, sagt er trocken, »ich hab’s einfach fotografiert!« Und zwar mit einem selbstgebastelten 600-Millimeter- Teleobjektiv, wie der 1920 geborene Stammheimer erklärt. Sich Zubehör zu basteln ist für ihn nichts Neues. Als Quereinsteiger hatte Nagel es geschafft sich vor dem Krieg im Polytechnikum in Friedberg einzuschreiben, er wollte Ingenieur werden.

In den Semesterferien verdiente er sich als Praktikant ein kleines Taschengeld, von dem er jeden Pfennig sparte. Bis er dann 1938 in Friedberg einen Laden fand, der noch Kameras zum Kauf anbot. Zwei Stück gab es, eine kleine, leichte Leica 1 und ein große, sperrige Rolleicord. Diese war jedoch wesentlich günstiger als die Leica und bot mehr Funktionen. Mit dieser zweiäugigen Mittelformatkamera zog Kurt Nagel, mittlerweile zur Wehrmacht eingezogen, als Funker an die Ostfront. Dort begann die Bastelei, erinnert er sich. Aus defekten Munitionskisten, Sperrholz, Kamera, Vorsatzlinsen und Lkw-Glühbirnen baute er sich ein Vergrößerungsgerät, um Abzüge von den Negativen entwickeln zu können. Auf die Frage, wie er denn die Filmstreifen entwickelte, antwortet der passionierte Fotograf lachend: »Im abgedunkelten Funk-Lkw mit einer umgebauten, leeren Fischbüchse!«

Während Nagel die Negative im Innern des Lkw durch die mit Entwickler gefüllte Konservendose zog, stand Kamerad Rudi mit der Uhr draußen und stoppte die Zeit. »Meistens hat es geklappt.« Die Chemikalien und das Fotopapier brachten die Kameraden mit, die vom Heimaturlaub zurückkamen,  denn die ganze Kompanie wusste, dass Funker Nagel fotografiert. Im Gegenzug bannte er viele der Soldaten auf Film, die dann ein Bild für die Lieben daheim hatten, ein Lebenszeichen.

Doch nicht nur seine Kameraden fotografierte er. Die Menschen in den russischen Dörfern, ihr Leben, das wollte Nagel festhalten. Denn wer glaubt, dass Kurt Nagel tatsächlich »einfach nur fotografiert«, wie er es selbst gerne sagt, der irrt. Er hat ein Gespür für besondere Situationen und die Geschichten um die einzelnen Bilder sind es, die ihn bis heute faszinieren. So wie diese eine Geschichte, von der er sagt, sie habe sein Leben verändert.

Sein Funktrupp war in einem kleinen Bauernhaus einquartiert. Die Soldaten verständigten sich mit Händen und Füßen mit der russischen Familie; Nagel fotografierte sie. Als der Trupp eines Nachts den ersten Einsatzbefehl bekam und die Soldaten aus dem Haus stürmten, packte die russische Mutter Kurt Nagel an den Schultern, zog ihn herum. In den Tagen zuvor hatte der Deutsche von der Frau erfahren, dass auch sie zwei Söhne im Krieg hatte und nicht wusste, ob sie noch lebten. Nun deutete sie auf die Gebetsecke des Hauses und machte Nagel verständlich, dass dessen eigene Mutter nicht wisse, dass er sich nun in Gefahr begebe und nicht für ihn beten könne. Deshalb würde sie nun für ihn beten, dass er gesund zurückkäme. »Sie hat für mich gebetet, für den Feind«, sagt er leise, »Das hat mein Leben verändert.« Danach verschlug es ihn an die Westfront, wo seine Einheit interniert wurde, nachdem sie die Waffen niedergelegt hatte. Bei der Entwaffnung entdeckten englische Soldaten seine Rolleicord, die er im Brotbeutel verbarg.

Der englische Offizier hatte sie schon in der Hand, erzählt Nagel »Aber ich habe sie ihm wieder abgeschwätzt! « Nach dem Krieg fotografierte er das Dorfleben in Stammheim, seine Familie und seine Freunde. Ein Foto zeigt seinen Vater, wie er das Weihnachtsevangelium vorliest, was er immer in den Feiertagen tat. Ein anderes Foto zeigt Nagels Frau Margot beim Kirschenpflücken. Dies war 1950 sein erstes Farbfoto, das im mittelgroßen Format damals 25 Mark kostete. Langsam rüstete er seine Fotoausrüstung auf, war neugierig auf alles Neue. Nur für Digitaltechnik konnte sich Kurt Nagel nicht erwärmen, obwohl seine Leidenschaft für das Fotografieren schon im Kindesalter geweckt wurde.

Als Junge assistiert er seinem Patenonkel der sich noch unter einem schwarzen Tuch hinter einer riesigen Kamera versteckte. Nicht nur für ihn hat Nagel lobende Worte, auch für viele andere. Und er erzählt gern die Geschichten zu seinen Fotos. Kommt das Gespräch auf ihn, wechselt er rasch das Thema. Nie hat er ernsthaft versucht, aus seinen Bildern Profit zu schlagen. Nein, großes Trara ist nicht sein Ding. Vor allem dann nicht, wenn es um ihn selbst geht. Als Kurt Nagel für diesen Bericht porträtiert werden soll, versteckt er sich hinter seiner noch immer funktionstüchtigen Rolleicord, als wolle er sagen: »Nicht ich bin wichtig, sondern die Menschen auf meinen Fotos und deren Geschichten.«


Nachtrag: Am 1. März 2013 verstarb Kurt Nagel.

© 2009 Marc Stephan


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