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© Marc Stephan, D-61209 Echzell

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Pressearbeit

Die Totenkrone von Bingenheim

Bei der Innenrenovierung der evangelischen Kirche in Bingenheim fand sich eine fast vergessene Krone wieder. Aus bemaltem Weißblech gefertigt, alt, eingestaubt, ein bisschen verbogen, wissen ältere Bingenheimer noch, dass die Krone früher unter dem Kanzelkorb hing. Welche Bedeutung sie aber eigentlich hatte, ist heute kaum noch jemandem bekannt. Tatsächlich hing das an sich wertlose blecherne Schmuckstück bis 1970 unter der Kanzel. Bevor die Krone dort angebracht wurde, war sie jedoch Teil einer alten Tradition, die den Menschen half, mit Tod und Trauer umzugehen. Es handelt sich um eine der wenigen erhaltenen Totenkronen Oberhessens aus dem 18. und 19. Jahrhundert.

Totenkränze und -kronen waren vom 17. bis ins 19. Jahrhundert im deutschsprachigen Raum bei allen Konfessionen üblich. Die Totenkrone wurde bei Kindern oder ledig Verstorbenen auf dem Sarg angebracht. Sie zierte ihn vom Trauerhaus bis zum Grab. Dort wurde sie vom »Kronenabschneider«, in Oberhessen meist der Pate, abgenommen und verblieb auf dem Grab. Durch die Ähnlichkeit zwischen der Toten- und einer Brautkrone wurde dieser Brauch oft als »Totenhochzeit« bezeichnet. Denn nach heidnischem Glauben konnte nur ein Verheirateter seinen Frieden finden. Naheliegender ist die Deutung als Zeichen des christlichen Lebens. So ist im 2. Brief Paulus zu lesen: »Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone (Siegeskranz) des Lebens geben.« In der Literatur ist auch die Deutung als Tugendkrone für ein tugendhaftes Leben zu finden.

Meist wurden mehrere Kronen von den Angehörigen, Paten, gleichaltrigen Burschen oder Mädchen und ledigen Nachbarn gestiftet. In Handarbeit aus verschiedensten Werkstoffen entstanden, waren die schmucken Kronen meist sehr teuer. In Schmerz und Trauer war vielen Familien für ihre Verstorbenen das Beste gerade gut genug, sodass sich wohl viele verschuldeten. So sind zahlreiche Verordnungen der hessischen Herrscher zu erklären, die diesen kostspieligen Brauch eindämmen wollten. Zunächst wurde die Anzahl der erlaubten Eigenkronen der Stifter stark reduziert und später gar verboten. Stattdessen sollten die Gemeinden Leihkronen beschaffen, die nur den Sarg begleiteten, aber nicht auf dem Grab verblieben. Da eine Verordnung für Darmstadt und Gießen von 1742, die nur noch eine einfache Eigenkrone und Leihkronen für ein geringes Entgelt in unterschiedlicher Ausführung für unterschiedliche Gesellschaftsklassen vorschrieb, ohne Erfolg blieb, trat 1743 eine Ergänzung in Kraft. Danach wurden Eigenkronen ganz verboten, wenn sie nicht schlicht und günstig waren, ansonsten mussten Leihkronen verwendet werden. Da aber die Begriffe »günstig« und »schlicht« sehr dehnbar sind, brachte auch die Ergänzung keine große Veränderung. 1764/65 schließlich wurden die Eigenkronen in Hessen-Darmstadt verboten und vorgeschrieben, dass die Gemeinden Leihkronen zur Verfügung stellen. Da diese nun kostenlos zu haben waren, wuchs deren Akzeptanz.

Bei der Krone in Bingenheim dürfte es sich um eine solche Leihkrone handeln. Sie sollten nach Vorschrift aus haltbarem Material, wie leichtem Metall, gefertigt werden. Zuvor waren gerade bei den Eigenkronen auch Holz, Wachspapier, Blumen, Kunstblumen und Immergrün üblich. Verziert wurden die Kronen außerdem mit persönlichen Spruchbändern, wie es heute noch bei Kränzen (oder »Siegerkränzen «, wie Paulus sagte) üblich ist.

Die Girlanden an der Bingenheimer Weißblechkrone lassen auf das Ende des 18. Jahrhunderts als Entstehungszeit schließen. Die krönende Weltkugel mit Kreuz war dagegen im 19. Jahrhundert sehr beliebt und wurde wohl erst später angebracht. Wann dieser Brauch in Bingenheim verschwand, lässt sich nicht mehr genau feststellen. In der Schwalm wurden noch bis 1936 solche Kronen hergestellt.

© Marc Stephan 2007

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